Mattekuchen und British Afternoon Tea
Zu Gast im „Markt 17“ in Amöneburg
„Komm, Nepi, rutsch einmal kurz rüber“, sagt Katharina Weber und schiebt ihren 15 Jahre alten Hund Nepomuk zärtlich zur Seite. „Der hat das Chillen erfunden“, grinst sie. „Den ganzen Tag liegt er hier im Café herum und gehört inzwischen fast zum Inventar.“ Seit knapp zehn Jahren betreibt die gebürtige Amöneburgerin in einem 350 Jahre alten Fachwerkhaus direkt am Marktplatz ein urgemütliches Café – und hat ihrer Heimatstadt damit einen Ort geschenkt, den heute fast jeder kennt.
„Wobei, eine Institution war das Haus eigentlich schon immer – jedenfalls für uns Kinder“, erinnert sich Katharina Weber, die aus dem Nachbarhaus stammt. „Damals war hier ein richtiger Tante-Emma-Laden drin. Ein Laden, in dem es alles gab: Waschmittel, Bindfaden, Knäckebrot – und natürlich das Schnuckglas. Einmal am Tag durften wir hingehen und uns eine Süßigkeit rausangeln“, erinnert sich Weber. Heute steht wieder so ein Glas auf dem Tresen – zwischen Goldrandtassen, freigelegten Eichenbalken und einem polierten Klavier, in dem sich neun verschiedene Gin-Sorten spiegeln.
Zwölf Jahre lang war die studierte Hotelfachfrau in der ganzen Welt unterwegs. London, Barcelona, die Schweiz, Kronberg, Baden-Baden – Fünf-Sterne-Häuser, hohe Taktung, perfekte Abläufe. Ende 2015 stand dann das altehrwürdige Haus am Markt zum Verkauf, in dem zuletzt ein Antiquitätenhändler ein begehbares Lager unterhalten hatte. „Da habe ich zugeschlagen und es bis heute keine Sekunde bereut“, sagt Katharina Weber. In 18 Monaten sanierte sie das Haus, das als Einzelkulturdenkmal deklariert ist, von Kopf bis Fuß: „Ich hatte Respekt vor der Aufgabe, aber keine Angst. Es klingt vielleicht komisch, aber ich kann das Haus reden hören – und die meisten Handwerker kannte ich schon als Kind beim Vornamen.“
Im Hochparterre eröffnete sie am 1. Juli 2017 das „Markt 17“, ihr eigenes Café – damals noch an drei Tagen pro Woche für ein paar wenige Stunden. „Ich dachte erst an einen Nebenerwerb.“ Die Amöneburger sahen das anders: „Kannst du nicht öfter aufmachen?“, wurde sie gefragt. Heute öffnet sie von Donnerstag bis Sonntag, von mittags bis nach Einbruch der Dunkelheit. Ein großer Holzofen knistert im Winter, und im Sommer sitzt man auf dem hübschen Marktplatz und fühlt sich fast ein wenig wie in Italien. Ganzjährig gibt es selbstgebackene Kuchen mit regionalen Zutaten und Obst vom Berg: Omakuchen, Apfel-Streusel, Marmor und den berühmten „Mattekuchen“, benannt nach dem hessischen Wort für Quark. Abends stehen Flammkuchen oder kleine herzhafte Teller auf der Karte, im Sommer Eis. Und einmal die Woche backt Katharina Weber Sauerteigbrot auf Vorbestellung – für eine wachsende Fangemeinschaft.
Was viele erst beim zweiten Besuch merken: Das „Markt 17“ ist nicht nur Café, sondern eine kleine Bühne. Aus ihrer Zeit in London hat Weber die Idee zum British Afternoon Tea mitgebracht. Dann gibt es Scones mit Clotted Cream, herzhafte Sandwiches und dekorative Pappfiguren von King Charles und Camilla, die auf die hübschen Etageren herunterblicken. „Neulich hatten wir sogar einen native eater“, erzählt sie. Eine ältere Dame aus England, die ihr nach dem Schmaus den Ritterschlag gab: „Das war wie zuhause.“ Zum Programm gehören außerdem Whiskytastings, After-Work-Parties, ein großes Sommer-Open-Air auf dem Marktplatz und eine fröhliche Faschingsfete. An solchen Tagen merkt man, wie selbstverständlich der kleine Laden zum Treffpunkt der ganzen Stadt geworden ist. Im gleichen Gebäude, zwei Stockwerke höher, betreibt Miriam Cuda-Bretthauer einen Laden für geschmackvolle Mode und Inneneinrichtung: „Schickes und Schönes“ heißt er. Einiges an Deko und Interieur aus dem Shop finden Gäste denn auch in Webers schmuckem Café.
Wer Katharina Weber zuhört, merkt schnell, wie sehr sie Amöneburg liebt. Ihr erster Tipp für Besucher kommt ohne Nachdenken: der Mauerrundweg. Ein zwanzigminütiger Spaziergang rund um die Spitze des Vulkanbergs, fast wie ein Aussichtsbalkon über Mittelhessen. „Das ist ein Klassiker. An klaren Tagen kannst du 36 Dörfer sehen – wirklich spektakulär.“ Selbst bei Nebel hat der Ort seine eigene Dramaturgie: „Dann wabert entweder über den Feuchtwiesen im Tal ein langsam ziehender Teppich, oder der Nebel bildet einen dichten, fast unbeweglichen Wolkenkranz, aus dem Amöneburg wie eine Insel herausragt“, so Weber. Rund um die Stadt liegt auch Hessens ältestes Naturschutzgebiet. Wer hier unterwegs ist, trifft seltene Pflanzen und Tiere – und eine kostbare Stille. Premium-Wanderwege wie die Amanaburch-Tour lassen Hiker-Herzen höher schlagen, und sogar Pilger auf dem Jakobsweg finden hier eine Herberge.
Eine Besonderheit in Amöneburg sollten Besucher auf keinen Fall versäumen: die Gewölbekeller. „Viele der Häuser hier haben solch einen, ins Basaltgestein gehauenen Keller“, erklärt Weber. „Einige sind sogar zweistöckig und fast alle haben einen Brunnen mit Trinkwasser.“ Das Wasser stammt aus dem Vogelsberg und steigt durch das Vulkangestein wie in einem artesischen Brunnen bis hierher.
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