Die Mutter aller Labore
Justus Liebigs Vermächtnis in Gießen
Es gab eine Zeit, da machte das beschauliche Gießen der Weltstadt Paris ihren Ruf als „Mekka der Chemie“ streitig. Und das ist vor allem einem Mann zu verdanken: Justus Liebig (1803-1873). Wie es dazu kam, erfahren Besucher im „Liebig Museum und Laboratorium“, dem bis heute größtenteils im Originalzustand erhaltenen Labor des Ausnahme-Chemikers.
Das Gebäude mit dem repräsentativen Säuleneingang liegt unübersehbar auf dem Weg zum Gießener Bahnhof und zählt seit seiner Eröffnung im Jahr 1920 zu den zehn wichtigsten Tempeln der Naturwissenschaft weltweit. Manuel Heinrich, verantwortlich für die Öffentlichkeitsarbeit des Museums, bestätigt: „Es gibt Menschen, die kommen von weit her – etwa aus den USA – und strahlen, weil sie sich diesen Lebenstraum endlich erfüllen können.“
Dass ein wissenschaftliches Laboratorium in solch einem pompösen Gebäude untergebracht wurde, war absolut unüblich. Wie es dennoch dazu kam, erklärt Manuel Heinrich so: „Zu Beginn des 19. Jahrhunderts ließ Großherzog Ludwig I. von Hessen-Darmstadt hier am Seltersberg eine Kaserne mit zwei Wachhäuschen errichten, um die bislang in der Stadt untergebrachten Soldaten außerhalb der Stadt zu stationieren. Doch wiederholte Auseinandersetzungen zwischen den Studenten und den Soldaten führten schließlich dazu, dass die Truppen nach Worms verlegt wurden. Wenig später holte der Großherzog den damals 21-jährigen Justus Liebig nach Gießen – auf Empfehlung Alexander von Humboldts. Dieser war in Paris Zeuge eines Liebig’schen Experimentalvortrags zum Knallsilber geworden. Und der begeisterte den berühmten Universalgehrten so sehr, dass er dem Großherzog nahelegte, dem brillanten jungen Forscher in Gießen eine außerordentliche Professur anzubieten.“
Liebig kam tatsächlich, doch seine Reaktion auf seine im ehemaligen Wachhäuschen untergebrachte erste Arbeitsstätte war sehr verhalten: „Man gab mir vier leere Wände anstatt eines Laboratoriums!“, beschwerte er sich beim Kanzler der Universität. Dennoch übertraf Liebig die in ihn gesetzten Hoffnungen: So führte er in Gießen etwa die „Experimentalvorlesung“ ein – eine neuartige Arbeitsweise, die er aus Paris mitgebracht hatte. „Geradezu revolutionär war, dass Labor und Hörsaal nur durch eine Art Durchreiche voneinander getrennt waren. Das waren bis dato zwei völlig unabhängige Bereiche gewesen,“ erklärt Heinrich. „Und er forschte und arbeitete gemeinsam mit seinen Studenten – auch das war ein völliges Novum.“
Auch was den Arbeitsschutz anging, setzte Liebig weltweit neue Standards: Sein Labor verfügte über serielle Arbeitsplätze, die alle gleich ausgestattet waren. Zu den meisten Plätzen gehörten verschiebbare Glasscheiben und ein Abzug. „Mit seinem analytischen Labor erfand er quasi die ‚Mutter aller Labore‘ und den Vorgänger aller bis heute üblichen chemischen Forschungseinrichtungen,“ so Heinrich.
Doch Wissenschaft aus dem Elfenbeinturm war nicht Liebigs Ding. So veröffentlichte er beispielsweise in der damals wichtigsten Tageszeitung, der Augsburger Allgemeinen, eine regelmäßige Kolumne: die „Chemischen Briefe“. Darin ließ er seine Leser an seinen Erkenntnissen aus Chemie, Landwirtschaft oder Ernährung auf leicht verständliche Art teilhaben.
„Eine seiner bekanntesten Erfindungen – Liebig‘s Fleisch-Extract – wurde allerdings erst nach seinem Tod um kleine Sammelbildchen in Sechser-Serien ergänzt. Darauf waren dann beispielsweise Märchen, ferne Welten oder touristische Ansichten vom Rhein zu sehen. Und diese so genannten „Liebig-Bilder“ lösen bei Fans bis heute Begeisterung aus.“ Die größte Kollektion weltweit ist übrigens im Liebig Museum zu bestaunen – als Leihgabe eines begeisterten Sammlers.
Dass das Labor bis heute weitgehend im Originalzustand erhalten ist, ist ein echter Glücksfall. „Knapp 30 Jahre war Liebig in Gießen – von 1824 bis 1852,“ so Heinrich. „In dieser Zeit wurde er zum Forscher von Weltruhm und seine Studenten strömten aus aller Herren Länder hier ins Lahntal. Dann aber machte ihm König Maximilian von Bayern ein Angebot, das er nicht ausschlagen konnte, und Liebig ging nach München. Sein Labor geriet danach lange Jahre in Vergessenheit. Erst 1920 wurde es von dem 1911 gegründeten Verein, der heute Liebig-Gesellschaft heißt, als Museum wiedereröffnet.“
Der ebenfalls teilweise im Original erhaltene Experimentiertisch Liebigs fiel im Dezember 2022 einem Brand zum Opfer. Doch die Tragödie löste eine Welle der Solidarität aus – zum Glück. „Denn mit den Spendengeldern können wir das Museum nun fit für die Zukunft machen: Wir erneuern die Elektrik, die Fenster, die Heizung und die Dämmung und investieren natürlich in den Brandschutz,“ sagt Manuel Heinrich.
Bis voraussichtlich im Herbst 2025 Neueröffnung gefeiert wird, geht der Museumsbetrieb mit starken Einschränkungen weiter: „Führungen im Labor sind durch die Sanierungsarbeiten unmöglich“, so Heinrich. „Doch einmal im Monat werden wir eine Spezialform unserer beliebten Experimentalvorlesungen als Gießener Stadtführung anbieten – unter dem Motto ‚Liebig to go‘. Dann gehen wir mit den Gästen nach der Laborführung ins benachbarte Restaurant ‚Justus im Hessischen Hof‘, wo wir bei passendem Interieur in einem separaten Raum Experimente durchführen können.“
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Lahntal Tourismus Verband e.V.
TI Wetzlar, Foto: D. Ketz












