Von Händlern und Heiligen
Die Lahn im Strom der Zeit
Wer auf der Lahn paddelt, bewegt sich auf einem geschichtsträchtigen Gewässer. Viele der Spuren lassen sich heute nur noch erahnen, doch es gibt etliche, die noch immer sichtbar sind. Dr. Tim Schönwetter ist Historiker und Archäologe bei der hessenARCHÄOLOGIE im Landesamt für Denkmalpflege Hessen und verrät die spannendsten Punkte entlang der Lahn.
„Das Lahntal war schon immer eine wichtige Ost-West-Verbindung“, erklärt Schönwetter. Schon immer wurden die Höhenwege links und rechts des Flusses ausgiebig genutzt. Sogar für die Römer hatte die Lahn eine wichtige militärische und wirtschaftliche Bedeutung, wie die Funde von Waldgirmes oder die Römerlager bei Limburg oder Dorlar belegen.“ Auch der Silberbergbau bei Bad Ems scheint im römischen Interesse gewesen zu sein.
Mit der Ausbreitung des Christentums wohl ab dem 6. Jahrhundert wuchs die Bedeutung der Lahn als Pilger- und Missionsweg. Geistliche und Missionare aus den Erzbistümern Köln, Mainz und vor allem Trier nutzten den Fluss, um die Region zu erreichen. So soll beispielsweise der Heilige Lubentius, der in der Lahnregion missionierte, im heutigen Dietkirchen sein erstes Gotteshaus errichtet haben. Wie die monumental wirkende und landschaftlich exponierte Kirche St. Lubentius entstanden in dieser Zeit zahlreiche Stiftskirchen und Klöster entlang der Lahn. Sie waren Garanten für weitere ökonomische und kulturelle Impulse.
So verstärkte sich im frühen Mittelalter der Verkehr auf der Lahn. „Hier war es vor allem der Kalkstein, der übers Wasser abtransportiert wurde,“ erklärt Schönwetter. Gerade die Konradiner bedachten im 9. und 10. Jahrhundert Wetzlar, Weilburg und Limburg mit Stiftsgründungen, was die Städte zu wichtigen Handelszentren aufwertete. Aber auch andere Handelsgüter wie Wein oder Korn dürften bereits in kleinen, von Hand angetriebenen Kähnen transportiert worden sein.“
Weiter führt der Geschichtsexperte aus: „Zwischen 1593 und 1599 wurde die Lahn bis Diez ausgebaut. Man spricht von der sogenannten ersten Schiffbarmachung. In diesem Kontext wurden Stromschnellen, Sandbänke und andere Hindernisse entfernt und ein Leinpfad angelegt, so dass nun größere Schiffe eingesetzt werden konnten.“
Fakt ist, dass das Lahntal der Schifffahrt maßgeblichen Wohlstand und wirtschaftliche Bedeutung verdankt. Seit dem 16. Jahrhundert sind an den Nebenflüssen und Bächen zwischen Wetzlar und Limburg zahlreiche kleinere Eisenhütten belegt. Die Familie Mariott gründete 1669 in Ahl, 1671 in Nievern und 1679 in Hohenrhein bei Lahnstein Hüttenwerke. Auch das dort geförderte Eisen und die Holzkohle mussten über die Lahn bewegt werden.
Mit Beginn des 19. Jahrhunderts wurde der Fluss bis Weilburg für 18-Tonnen-Schiffe ausgebaut. Der Bau von Schleusen – etwa der ersten Kammerschleuse in Runkel 1809 – sowie von neuen Wehren ermöglichte es, die schwer beladenen Boote sicherer zu bewegen. Nur wenige Jahre später wurde der Fluss erneut und in noch größerem Umfang ausgebaut. Gerade für die aufstrebende Eisenerzförderung entlang der Lahn sollten so neue Absatzwege geschaffen werden.
„Die Lahn spielte eine entscheidende Rolle beim Transport von Rohstoffen wie Eisen, Kohle und Kalkstein, aber auch Ton oder Mineralwasser,“ erklärt Schönwetter. „Doch trotz Staustufen blieb der Wasserstand immer eine Herausforderung, so dass die Kähne eigentlich nur bei hohen Wasserständen in Frühjahr und Herbst unter Volllast fahren konnten.“ Weiteres Hindernis: Der Leinpfad am Lahnufer war nicht durchgängig, was das Treideln der Schiffe flussaufwärts erschwerte. So war es auch kein Wunder, dass mit der Inbetriebnahme der Lahntalbahn 1863 die Lahn ihre Bedeutung als Transportweg sofort verlor. „Die schnellere Transportmöglichkeit mit der Bahn ermöglichte dann aber die Neuanlage von Hüttenwerken in Wetzlar, Gießen oder Burgsolms. Außerdem wurde der Eisenerzbergbau im Lahntal attraktiv für die Besitzer der Hüttenwerke an Rhein und Ruhr,“ so Schönwetter.
Die heutige Faszination des Gewässers bringt der Experte so auf den Punkt: „Die Lahn ist nicht nur eine bemerkenswerte Sehenswürdigkeit, sondern mit ihren Schleusen und Kanälen, den dazugehörigen Wohnhäusern der Schleusenwärter oder dem einzigartigen Weilburger Schiffstunnel ein ganz besonderes technisches Relikt aus der Zeit der beginnenden Industrialisierung. Auch für uns Archäologen.“ Denn schränkten Niedrig- oder Hochwasser die Nutzung der Lahn früher stark ein, so erlauben die gleichen Extreme heute zum Teil den Blick auf besondere Flussabschnitte: Beispiele dafür sind die alte Leuner Brücke bei Lahnbahnhof oder historische Verladestellen der Lahnkähne.
Schönwetter zeigt auf einen Lahnabschnitt im Braunfelser Stadtteil Tiefenbach: „Beim derzeitigen Niedrigwasser kann man hier sogar noch eine alte Mole erkennen. Sie schottete einst die Liegestelle zweier Lahnkähne von der Strömung des Flusses ab. In der Mitte des 19. Jahrhunderts wurde das Eisenerz von hier aus zum Teil bis nach England abgeschickt!“ Später führte die Brücke einer Grubenbahn über den Hafen hinweg zur Lahntalbahn. „Der letzte belegte Schiffstransport von diesem Hafen ging 1882 ab, doch die Lahn wurde teilweise noch bis in die 1960er Jahre zum Gütertransport genutzt.“
Dennoch: Ihre wirtschaftliche Bedeutung hat die Lahn bis zum heutigen Tag nicht verloren. Seit vielen Jahrzehnten zählt sie zu den beliebtesten Wassersportrevieren Deutschlands. Auf dem 160 Kilometer langen, paddelbaren Flussabschnitt zwischen Weimar-Roth und Lahnstein genießen an Sommertagen und Wochenenden tausende Kanuten, Kajaker und Stand-up-Paddler Ruhe, Natur und einen entschleunigenden Blick auf die Welt am Ufer.
Alle Informationen zum Kanufahren auf der Lahn finden sich hier.
Lahntal Tourismus Verband e.V., Foto: Jan Bosch























