Ein Denkmal für das einfache Leben
Zu Besuch im Märchenreich von Otto Ubbelohde
Zu den bekanntesten Künstlern des Lahntals zählt der 1867 in Marburg geborene Illustrator, Maler und Zeichner Otto Ubbelohde. Vielen sind vor allem seine 448 detailreichen Federzeichnungen zu den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm ein Begriff. Wer mehr über das Leben und Schaffen des Jugendstilmalers erfahren möchte, sollte einen Besuch im ehemaligen Wohn- und Atelierhaus des Künstlers in Goßfelden einplanen.
Das heute parkähnliche Grundstück erwarb der frisch vermählte Ubbelohde im Jahr 1899. Hier in der Lahnaue wollte er sich mit seiner Frau Hanna einen idyllischen Ort zum Leben und Malen schaffen. Dabei spielten beim Kauf vor allem zwei Aspekte eine Rolle: Das Areal sollte außerhalb des Dorfes liegen, und er wollte jederzeit den unverstellten Blick auf die kleine, pappelbewachsene Insel auf der Lahn genießen können. Dass das Grundstück im Überschwemmungsgebiet der Lahn lag und der Keller künftig zweimal im Jahr unter Wasser stehen würde, wusste das Paar nicht. Und falls sie es wussten, nahmen sie es billigend in Kauf.
Aber warum sollte es ausgerechnet diese Lage sein? Barbara Seitz, Sprecherin des Arbeitskreises Ubbelohde-Haus, erklärt das so: „Die Ubbelohdes waren Anhänger der so genannten „Lebensreform“-Bewegung. Diese kulturkritische Strömung lehnte Industrialisierung und Materialismus ab und strebte stattdessen ‚zurück zur Natur‘.“
Auch dem jungen Paar waren Naturnähe und die Möglichkeit zur Selbstversorgung wichtig: So kaufte es ein weiteres Grundstück, auf dem es einen Gemüsegarten anlegte, der bis in die 1980er Jahre zur Versorgung der Familie mit Obst und Gemüse beitrug. Darüber hinaus versuchte man sich im bis heute so genannten „Bienengarten“ zeitweise in der Imkerei, gab dies allerdings wieder auf, als Ubbelohde eine Bienenallergie entwickelte.
Die Gartenarbeit als klassische „Frauenarbeit“ war Hannas Verantwortungsbereich, bei dem sie Unterstützung aus dem Dorf erhielt. Ihr Mann interessierte sich weniger für Blumen, legte aber eine kleine Pappelallee an und pflanzte Nussbäume und Linden. Auf diese Weise verwandelte sich das ehemals unbewachsene Gelände im Laufe eines Jahrhunderts in den heutigen „Park in der Lahnaue“.
Wie die Maler in der Worpsweder Künstlerkolonie hatte Otto Ubbelohde Malschüler und Malschülerinnen, um finanziell über die Runden zu kommen. Außerdem entwarf er Werbeplakate und zeichnete über 150 Postkarten mit vielen Motiven aus Hessen sowie Mappen mit großformatigen Städteansichten aus ganz Deutschland. Kurz vor Ubbelohdes Tod im Jahr 1922 erschien seine letzte große Illustrationsarbeit: die Werke Joseph von Eichendorffs.
„Was die Arbeiten von Ubbelohde auszeichnet,“ erklärt Barbara Seitz, „ist seine sehr genaue Abbildung des bäuerlichen Lebens und der hessischen Trachten. Gerade die Kopfbedeckungen der Frauen unterschieden sich hier im Hinterland zwischen Biedenkopf und Gladenbach von Ort zu Ort stark. Dafür hatte er ein gutes Auge. Mit seinen Werken hat er den einfachen Menschen ein Denkmal gesetzt.“
Seine berühmtesten Zeichnungen verdankt die Nachwelt übrigens nicht etwa einem Auftrag, sondern dem großen Fleiß und der Ausdauer des Künstlers: „Die Aufgabe, zu jedem einzelnen der Grimm’schen Märchen mindestens eine Zeichnung anzufertigen, hat sich Ubbelohde selbst gestellt – ein Mammutprojekt,“ erklärt Barbara Seitz. „Oft hat er auch darüber gestöhnt, aufgegeben hat er aber nicht.“ Auch dann nicht, als der erste Verlag, dem er seine Werke verkauft hatte, pleiteging und er die Zeichnungen zurückkaufen musste. Erst im Jahr 1907, nach vermutlich siebenjähriger Arbeit, erschien der erste von Ubbelohde illustrierte Jubiläumsband der Märchen.
Und wer genau hinschaut, kann auch hier zahlreiche Ansichten aus dem hessischen Umfeld des Malers erkennen: So tragen Schneeweißchen und Rosenrot die typische Schwälmer Tracht, der Rapunzelturm ähnelt dem Fachwerkturm in Amönau und der Hofstaat von Dornröschen schläft auf Schloss Weilburg. „Auch Motive aus dem Marburger Schloss sowie der Ritterstraße sind zu erkennen,“ ergänzt Barbara Seitz, „ebenso wie die Münzenburg, das ‚Schneewittchenschloss‘ Gelnhausen oder verschiedene markante Bergkuppen mit kleinen Ruinen.“ 2017 wurden Ubbelohdes Märchenzeichnungen in die Liste der „national wertvollen Kulturgüter“ aufgenommen.
Bei einem Besuch in Goßfelden kann man den historischen Lebens- und Schaffensumständen des Künstlers nachspüren: Durch die hingebungsvolle Arbeit vieler Ehrenamtlicher präsentiert sich das Anwesen der Ubbelohdes heute wieder fast wie vor über 100 Jahren. „Nach dem Willen der Künstlerfamilie gingen das Haus sowie der künstlerische Nachlass 1991 in eine Stiftung über, die es wieder in seine ursprüngliche Form brachte und das Atelier im November 1999 als Museum eröffnete,“ so Barbara Seitz.
Wer, beispielsweise im Rahmen einer Führung oder auf eigene Faust, das frühere Atelier des Künstlers betritt, bemerkt schnell das große nach Norden ausgerichtete Fenster sowie das Oberlicht. „So hatte Ubbelohde den ganzen Tag über gleichmäßiges Licht für seine Arbeit,“ sagt Barbara Seitz. „Auch seinen Schreibtisch und eines seiner Original-Löschblätter kann man hier sehen. Dadurch, und durch die zeitlos schönen, von Ubbelohde selbst entworfenen Einbaumöbel, geht von dem ganzen Raum eine besondere Atmosphäre aus.“
Im ehemaligen Schlafzimmer des Paars finden heute wechselnde Ausstellungen statt. Im Obergeschoss der Privatwohnung logieren und arbeiten zweimal im Jahr Autoren. Schriftsteller und Schriftstellerinnen können sich für ein Stipendium bewerben und dann für je drei Monate hier schreiben. Ihre Arbeiten stellen sie dem interessierten Publikum bei Lesungen vor. „Dadurch bleibt das Haus eine lebendige künstlerische Schaffensstätte,“ freut sich Seitz.
Ganzjährig lohnenswert sind aber vor allem die jederzeit öffentlich zugänglichen Gärten. Die Rosen- und Staudenrabatten im ehemaligen Gemüsegarten und im Bienengarten werden von einer Gruppe Frauen aus der Gegend gepflegt. Barbara Seitz ist eine von ihnen und erinnert sich: „Ein von der Stiftung beauftragter Gartenarchitekt hat 1997, basierend auf der noch existierenden Anlage und den Erinnerungen noch lebender Verwandter, einen behutsamen Neuentwurf des Gartens erstellt. Auch eine Fliederlaube mit weißen Teemöbeln gehört dazu. Dort ist es im Sommer wunderbar schattig, und an schönen Frühsommerabenden kann man dort sogar Nachtigallen hören.“
Ein 1,5 Kilometer langer Rundweg mit Start und Ziel am Ubbelohde-Haus beschäftigt sich ebenfalls mit dem Wirken des Künstlers: Er führt zu 16 Stationen in und um Goßfelden und zeigt Motive, die der Künstler im Dorf gefunden hat: Fachwerkhäuser, Trachten, die alte Brücke, das von Ubbelohde entworfene Gefallenendenkmal an der Kirche oder das Grab der Eheleute auf dem Goßfeldener Friedhof.
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